2. Juli 2019

Maschinen statt Dolmetscher?

Ob denn Simultanübersetzer irgendwann von einem Computer ersetzt werden, so werden Dolmetscher oft gefragt, wenn sie bei einer Stehparty von ihrem Beruf erzählen. Derzeit, so ist zunächst klarzustellen, ist dies jedenfalls nicht möglich.

Denn Computer sind noch nicht in der Lage, komplexe spontane Sprache zu verarbeiten. Dies liegt vor allem an der mangelnden Spracherkennung. Menschliche Sprache ist von einer Vielfalt von Faktoren geprägt: die persönliche Stimme des Redners, das Sprechtempo, der Akzent, die unterschiedliche Intonation. Weiterhin gibt es zahlreiche vom Redner verursachte Störgeräusche wie Seufzer, Räuspern und Atemgeräusche. Dazu kommen in der konkreten Situation einer Tagung zahlreiche äußere Störgeräusche (Rascheln von Papier, Klimpern von Wassergläsern etc.).

 

Irgendwann in der Zukunft könnten sich jedoch die Hardware-Kapazitäten derart vervielfachen, dass Übersetzungscomputer mit einer praktisch unbegrenzten Menge von Aussprachebeispielen, Sachinformationen und rauszufilternden Störgeräuschen gefüttert werden könnten. Dann wären maschinelle Simultanübersetzer durchaus in der Lage, es mit den Gehirnen menschlicher Dolmetscher aufzunehmen oder sie sogar zu übertreffen. Die seltsamsten Akzente und Sachverhalte wären mit einer so umfangreichen und sofort abrufbaren Informationsgrundlage kein Problem mehr – und Schnellsprecher ohnehin nicht.

Dann jedoch müsste man sich die Frage stellen, ob man grundsätzlich lieber menschliche oder maschinelle Kommunikation möchte. Denn wenn die Maschinen so gut wären, dass sie die menschlichen Dolmetscher ersetzen könnten – wären sie nicht erst recht in der Lage, die menschlichen Redner ersetzen?

 

Um zu verstehen, wann Maschinen menschlichen Dolmetschern einmal überlegen sein könnten und wann nicht, kann das Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun hilfreich sein. Nach diesem Modell gibt es vier Ebenen, auf denen wir eine Botschaft aussenden bzw. empfangen („vier Ohren der Kommunikation“):

  • eine Sachinformation (worüber ich informiere)
  • eine Selbstkundgabe (was ich von mir zu erkennen gebe),
  • einen Beziehungshinweis (was ich von dir halte und wie ich zu dir stehe),
  • einen Appell (was ich bei dir erreichen möchte).

 

Auf der Sachebene könnten maschinelle Dolmetscher tatsächlich einmal Menschen überlegen sein. Das Wissen eines Menschen kann naturgemäß immer nur ein begrenzter Ausschnitt des Weltwissens sein (wobei dahingestellt ist, ob das Weltwissen einmal umfänglich digitalisiert werden kann). Bei einer hochfachlichen Konferenz, bestehend aus einer Aneinanderreihung von zügig vorgetragenen Fachvorträgen und wenig persönlicher Interaktion, kann ein Computerdolmetscher in einer fernen Zukunft eventuell wertvolle Dienste leisten. Das Gleiche gilt etwa für logistische und praktische Absprachen („Um wieviel Uhr landen Sie morgen in Düsseldorf?”). Heute ist die maschinelle Übersetzung jedoch noch lange nicht so weit, um solche Sachinformationen verlässlich und korrekt in eine andere Sprache zu übertragen.

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Lesen zwischen den Zeilen - eine menschliche Leistung, die kein Computer ersetzen kann

Wie steht es aber mit den anderen drei eher persönlich-emotionalen Ebenen? Wenn Kommunikationsteilnehmer etwas von sich preisgeben oder mehr über das Gegenüber und seine Motivationen, Gefühle oder Wertvorstellungen herausfinden möchten? Wenn man eine gewisse Wirkung – etwa Begeisterung oder Engagement – beim Gegenüber erzielen möchte? Oder wenn man wissen möchte, wie der andere zu einem selbst steht? Wenn es um das Zwischenmenschliche geht, wenn Vertrauen, gegenseitiges Verständnis und eine stabile (Geschäfts)-Beziehung aufgebaut werden sollen, wird meist das persönliche Treffen einer Video- oder Telefonkonferenz vorgezogen. Nachdem bereits Erfahrung mit digitaler Remote-Kommunikation gesammelt wurde, haben viele Menschen gelernt zu entscheiden, wann eine Präsenzsitzung zielführend ist und wann Video und Telefon ausreichen.

Und ebenso lassen sich im Sinne des Kommunikationsquadrats die Vor- und Nachteile menschlicher bzw. maschineller Dolmetscher beschreiben. Das Lesen zwischen den Zeilen, Gestik und Mimik sowie ein Bewusstsein für Situation und Atmosphäre lassen sich kaum maschinell erfassen und ausdrücken. Und hier genau liegt der Mehrwert des Dolmetschers, der, wie es die englische Benennung „Interpreter” bereits nahelegt, zu interpretieren vermag. Dolmetscher tragen stets die Frage im Hinterkopf: „Was meint der Redner? Was will er?”

 

Selbst wenn Computer einmal so viele Sachinhalte verarbeiten können wie Menschen, werden sie Stimmungen, Ironie, Anspielungen und Witze niemals erfassen und adäquat in eine andere Sprache und vor allem auch in einen anderen kulturellen Rahmen übertragen können. Insofern wird auch in Zukunft der Konferenzdolmetscher bei Veranstaltungen mit Übersetzungsbedarf unverzichtbar sein.

Wenn Sie sich auch schon die Frage gestellt haben, in welchem Rahmen Sie Dolmetscher einsetzen möchten, lassen Sie sich von den Profis von fachdolmetscher-suche.de beraten. Hier können Sie sicher sein, auf jeder Ebene des Kommunikationsquadrats gut verstanden zu werden.

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