3. Juni 2019

Konferenzdolmetscher – Generalisten oder Spezialisten?

“Dolmetschen hat am Rande auch etwas mit Sprache zu tun” – so lässt sich mitunter am treffendsten beschreiben, worum es beim Dolmetschen im Kern geht. “Content is king“, könnte man gleichsam sagen. Ganz gleich, ob simultan mit Dolmetschkabine oder konsekutiv mit Block und Stift übersetzt wird: Ordentlich dolmetschen kann man nur, was man versteht. Aber verstehen Dolmetscher alles ein bisschen, sind sie also Generalisten, oder vertiefen sie sich auf ein Gebiet und sind somit Spezialisten?

Nicht ohne Grund werden Konferenzdolmetscher, die meist Diplom-Dolmetscher oder Inhaber eines M.A. in Konferenzdolmetschen sind, häufig gefragt: „Kennen Sie sich denn überhaupt mit Blockheizkraftwerken aus?“ oder „Haben Sie denn schon einmal eine Bilanz gelesen?“ Ihre Spezialisierung ist augenscheinlich das Dolmetschen, also Mitteln zwischen verschiedenen Sprachen. Fachwissen und Fachverständnis werden nicht grundsätzlich als erwartbar vorausgesetzt, jedoch oftmals erhofft.

Das Dolmetschen an sich findet als Operation zwischen verschiedenen Systemen auf verschiedenen Ebenen statt:

  • die sprachliche Äußerung im Sinne des korrekten Zusammenspiels einzelner Wörter,
  • die Bedeutung des Gesagten sowie
  • das konkret Gemeinte.

So passiert das Dolmetschen also nicht nur an der sprachlichen Oberfläche, sondern immer über das Verständnis der Bedeutung und des in der spezifischen Situation Gemeinten. Fachdolmetscher sind also zwar zunächst Fachleute für die Fertigkeit des Dolmetschens und für ihre Arbeitssprachen. Darüber hinaus sind sie aber auch Experten für das Eintauchen in immer neue Fachgebiete, deren Bedeutungswelt und Terminologie sie ergründen: Von Abfallaufbereitung bis Zahnmedizin gibt es kaum ein Thema, über das auf dieser Welt nicht mehrsprachig konferiert und gedolmetscht wird.

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Jeder Einsatz erfordert spezielle Vorbereitung – diese Einarbeitung ist gelernt

Die Fertigkeit der fachlichen Einarbeitung erlernen angehende Dolmetscher in exemplarischer Form bereits im Rahmen der universitären Ausbildung; in den Konferenzdolmetscher-Studiengängen ist häufig die Belegung eines so genannten Sachfachs vorgesehen, meist in Bereichen wie Recht, Wirtschaft, Technik oder Medizin. Dabei sind allerdings in der Berufspraxis die Einsatzbereiche von Konferenzdolmetschern so vielfältig und die Themen oft so extrem speziell, dass das Wissen aus dem Studium zwar eine gute Grundlage bildet, aber jeder Dolmetscheinsatz wieder aufs Neue eine eingehende Vorbereitung erfordert. Hat jemand Maschinenbau als Ergänzungsfach im Studium belegt, so kennt er dennoch nicht genau die besondere e Pumpentechnik des Unternehmens, dessen Vertriebstagung heute gedolmetscht wird, oder den Aufbau des innovativen Windsichters für Plastikmüll, den jemand gerade neu entwickelt hat. Ganz zu schweigen von den Rechtsvorschriften für die entsprechende Entsorgung, die in den Ländern gelten, deren Vertreter sich ein solches Gerät etwa in Deutschland anschauen möchten.

Kurz: Die Spezialisierung eines Dolmetschers ist mitunter sehr individuell, da äußerst kundenspezifisch, und gleichzeitig wiederum sehr breit, da in einem Unternehmen grundsätzlich verschiedene Themen von Belang sind. In einem Pharmakonzern beispielsweise spielt neben Chemie auch Patentrecht eine Rolle, zweinicht unbedingt artverwandte Themen. Und so entfaltet die Spezialisierung eines Dolmetschers ihre wahre Pracht auch erst über eine längerfristige Zusammenarbeit mit einem bestimmten Kunden.

Und da Dolmetscher stets für den Moment arbeiten, werden sie nicht nur Fachleute für Sprachen und Fachthemen, sondern auch für Situationen. Sie entwickeln Routinen für bestimmte Szenarien: Hauptversammlungen, Mitarbeiterversammlungen, Marketingveranstaltungen, wissenschaftliche Symposien, Vertragsverhandlungen – die typischen Abläufe in verschiedenen Settings mit ihren besonderen Zielsetzungen und Akteuren sind ein weiteres, parallel gelagertes Spezialisierungsfeld von Konferenzdolmetschern. So ähneln die Bilanzpressekonferenzen eines Nahrungsmittelkonzerns und eines Automobilzulieferers einander durchaus mehr als die Bilanzpressekonferenz und der Europäischen Betriebsrat desselben Unternehmens.

Und so lautet die Antwort auf die eingangs gestellte Frage wahrscheinlich: Sie sind sehr spezialisierte Generalisten.

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