15. Juli 2019

Ist Simultandolmetschen wirklich so stressig?

Oft hört man, Simultandolmetscher hätten laut einer Studie der WHO neben Fluglotsen den stressigsten Job überhaupt. In der Tat gibt es verschiedene Untersuchungen, die sich damit befassen, welche Berufe besonders stressig (oder auch besonders entspannt) sind.

 

 

Eine US-amerikanische Studie aus dem Jahre 2015 beispielsweise stuft den Beruf des Soldaten als am stressigsten ein und erwähnt Dolmetscher überhaupt nicht in ihrer Liste der zehn am meisten belastenden Berufe. Laut einer chinesischen Langzeitstudie haben hingegen die Kellner den größten Stress in der Arbeit. Juweliere sollen im Gegenzug eine besonders ruhige Kugel in der Arbeit schieben.

Ein Vergleich ist schwierig – es kommt auf die Rahmenbedingungen an

Grundsätzlich ist der Vergleich oder sogar ein Ranking stressiger Berufe problematisch, da es hier zunächst große kulturelle Unterschiede gibt (z.B. abhängig von der Anerkennung des Berufes in der jeweiligen Kultur oder, um bei dem Beispiel des Soldaten zu bleiben, von der Art gefährlicher Kriegseinsätze). Weiterhin können auch innerhalb eines Landes und sogar derselben Berufsgruppe sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen herrschen.

Ein festangestellter Simultandolmetscher, der seit Jahrzehnten für dieselbe Institution in geräumigen, klimatisierten Kabinen mit ähnlichen Themengebieten zu festen Arbeitszeiten – sprich in einem verlässlichen, geregelten Arbeitsumfeld – tätig ist, hat womöglich deutlich weniger Stress als eine freiberufliche Übersetzerin, die unter hohem Termindruck perfekt ausformulierte Texte in den Druck liefern muss, bei denen auch nur ein Fehler den Verlust des Kunden bedeuten kann.

Nicht zuletzt werden Stressfaktoren auch individuell sehr unterschiedlich erlebt. Manche können nur unter Zeitdruck und ausreichend Abwechslung gut arbeiten und erleben die gepflegte Langeweile eines Bürojobs als belastend. Auch Lebensphasen spielen eine Rolle: Mitte zwanzig mag der Beraterjob mit 80 Wochenstunden vielleicht hochattraktiv sein, später rücken womöglich familienkompatible Arbeitszeiten und die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit mehr in den Fokus.

Lässt sich denn nun trotz dieser Unterschiede und Schwierigkeiten beim Vergleich sagen, dass Simultandolmetschen ausgesprochen stressig ist? Einige der Stressfaktoren, die bei den oben zitierten Studien als ausschlaggebend benannt wurden, treffen auf diesen Beruf durchaus zu: Zum Beispiel häufige Geschäftsreisen (die sorgfältig geplant und koordiniert werden müssen, um stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein), Zeitdruck, öffentliche Wahrnehmung, wenig Kontrolle über das Arbeitsumfeld und öffentliche Auftritte.

Die meisten Konferenzdolmetscher würden zustimmen, dass nicht das reine Simultandolmetschen an sich schon eine Belastung darstellt, denn das beherrschen sie schließlich. Ebenfalls lässt sich wohl sagen, dass der leichte Adrenalinkick, der auch jeder Bühnenarbeit eigen ist, für viele einfach dazugehört und auch geschätzt wird – sonst wären sie nicht in diesem Beruf.

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Schlechte Arbeitsbedingungen und überhöhte Erwartungen verursachen den größten Stress

Das, was aber echten, belastenden Stress beim Dolmetschen verursachen kann, ist, wenn eine Schere aufgeht zwischen den Erwartungen des Kunden an die Dolmetschleistung auf der einen Seite und den Arbeitsbedingungen, die eine solche Leistung unmöglich machen, auf der anderen Seite.

Die Arbeit auf Veranstaltungen bringt es mit sich, dass trotz bester Absichten und Vorbereitungen das Umfeld und die Arbeitsmittel häufig nicht perfekt sind und die Dolmetscher zudem wenig Kontrolle über ihre Arbeitsverhältnisse haben.

Zum Beispiel mögen die Vortragenden nicht gebrieft worden sein und lesen in rasender Geschwindigkeit einen Text ab, der schlichtweg nicht mit guter Qualität in Echtzeit übersetzt werden kann. Das Mikrofon der Rednerin ist vielleicht nicht ordentlich befestigt und überträgt mehr das Rascheln ihres Kragens als ihre Worte. Oder man arbeitet in einer schlecht belüfteten Kabine, die eine, für eine solch hochkonzentrierte Tätigkeit notwendige, ausreichende Sauerstoffversorgung des Gehirns verhindert. Auch werden zuweilen überraschend hochspezialisierte Fachvorträge gehalten, die vorher nicht übermittelt wurden und ohne eingehende inhaltliche und terminologische Vorbereitung nicht sinnvoll zu übertragen sind.

Die meisten dieser Stressfaktoren lassen sich in die Kategorien Inhalt der Rede, Vortragsweise, Akustik und menschenwürdige Arbeitsbedingungen (Luft, Pausen, Licht) einordnen. (Und übrigens treffen alle diese Faktoren genauso auf Konsekutivdolmetscher, die also zeitversetzt eine Rede dolmetschen, zu!)

Unter solchen suboptimalen Bedingungen kommen Dolmetscher tatsächlich in großen Stress, denn sie sollen und wollen die bestmögliche Leistung abliefern, werden aber daran aufgrund der erwähnten Arbeitsbedingungen gehindert. Gleichzeitig ist es – zumindest in der Situation selbst – meist nicht möglich, den Zuhörern aufzuzeigen, wie sehr der Kontrast zwischen mangelhaften Umständen und erwarteter Leistung ihre Arbeit erschwert. Sie tun dann eben ihr Bestes, aber bedauern, dass es unter anderen Bedingungen so viel besser hätte laufen können.

Eine gute Vorbereitung ist das A und O

Die gute Nachricht ist, dass sich diese Faktoren durch eine gute Vorbereitung und Zusammenarbeit zwischen Veranstalter und beratendem Dolmetscher optimieren lassen. Wenn Sie also sorgfältig planen und im Vorhinein zu allen relevanten Themen die Beratung der Dolmetscher einholen, können Sie sich an der Arbeit von entspannten, konzentrierten und zufriedenen Dolmetschern freuen, die – Stress-Studien hin oder her – durchaus sehr glücklich in ihrem Beruf sind.

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