17. Juni 2019

Warum Dolmetscher im Team arbeiten

„Guten Tag, wir haben eine ganztägige Fachkonferenz  mit Teilnehmern aus dem Ausland und benötigen einen Simultanübersetzer. Können Sie das übernehmen?“

Jeder Konferenzdolmetscher* freut sich über so eine Anfrage und das Interesse an seiner Dienstleistung. Er wird gerne mit dem potentiellen Kunden ins Gespräch einsteigen und weitere Details klären, jedoch gleich mit einer Einschränkung: „ein Simultanübersetzer“ wird ganz sicher nicht für eine ganztägige Fachkonferenz ausreichen.

Das liegt alleine schon an der Anzahl der Sprachen. Niemand kann gleichzeitig vom Deutschen ins Englische und ins Spanische dolmetschen. Es ist also zunächst zu klären, welche Sprachen gesprochen werden und in welche Sprachen gedolmetscht werden soll.  Je nachdem können mehrere Dolmetschkabinen mit Teams unterschiedlicher Sprachrichtungen nötig sein.

 

Ist der Fall einfach, und es soll z. B. nur vom Deutschen ins Französische gedolmetscht werden, ist auch dann ein einzelner Dolmetscher nicht ausreichend. Denn Simultandolmetschen ist eine höchst anspruchsvolle geistige Leistung, die äußerste Konzentration abverlangt. Daher arbeiten professionelle Konferenzdolmetscher nicht länger als eine halbe Stunde am Stück. Sie dolmetschen in der Regel in einem Team aus mindestens zwei, bei langen Einsätzen auch drei oder mehr Kollegen. Diese wechseln sich alle 20 bis 30 Minuten ab, so dass jeder Dolmetscher zwischendurch eine Pause hat.

Immer wieder bekommen Konferenzdolmetscher die – aus Kundensicht verständliche – Frage, ob es nicht möglich sei, doch den ganzen Tag oder auch einige Stunden am Stück alleine zu arbeiten. Das Thema sei ja sehr einfach, es gebe zwischendurch sowieso Kaffeepausen und der Moderator arbeite schließlich auch alleine.

 

Sicherlich ist es für einen Veranstalter sehr verlockend, den Preis von einem Dolmetscher einzusparen, wenn es „irgendwie auch so geht“.  Hier ist jedoch Vorsicht geboten. Wenn ein Dolmetscher darauf besteht, nicht länger als eine halbe Stunde alleine zu arbeiten, geht es auch, aber nicht nur, um sein Wohlbefinden. Es ist für den Dolmetscher wichtig, unter Bedingungen zu arbeiten, die ihn nicht so sehr mental und körperlich belasten, dass er z. B. am nächsten Tag nicht mehr arbeitsfähig ist. Einen ganzen Tag oder auch nur mehrere Stunden ununterbrochen alleine zu dolmetschen ist gesundheitsschädigend. Um ein langes und erfolgreiches Berufsleben zu ermöglichen, müssen Konferenzdolmetscher nachhaltig mit ihrer wertvollsten Ressource, ihrem Gehirn, umgehen.

Allerdings ist es auch ganz im primären Interesse des Kunden, bei der Teamstärke nicht zu sparen. Wenn die Konzentration nachlässt, können Redebeiträge nicht mehr komplett erfasst werden; weiterhin schleichen sich in die mündliche Übersetzung des Dolmetschers inhaltliche, terminologische und grammatikalische Fehler ein. Für die Tagungsteilnehmer ist es also irgendwann weder angenehm noch informativ, einem überlasteten Dolmetscher zuzuhören.  Wenn die Anwesenden sich aber ab einem gewissen Punkt nur noch mit Mühe verstehen können, ist die Ersparnis, die man durch den Wegfall eines Dolmetschers erzielen wollte, wieder dahin.

 

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Ein weiterer Grund für die Teamarbeit ist, dass man sich gegenseitig unterstützt und bei Bedarf aushilft. Selbst einem sehr erfahrenen und optimal vorbereiteten Dolmetscher kann es passieren, dass ein Vortrag eine völlig unerwartete Wendung nimmt und Fachvokabular vorkommt, das ihm in diesem Moment nicht auf der Zunge liegt. Zum Beispiel wenn in einer unternehmensinternen Personalleitersitzung plötzlich von einem Teambuilding-Event in Form eines Segelausflugs berichtet wird und ganz nebenbei zahlreiche Fachbegriffe aus dem Segelsport erwähnt werden. Wer sich auf diese Veranstaltung mit Stichworten wie Aufbau- und Ablauforganisation, arbeitgeberfinanzierte Pensionsanwartschaften und Betriebsverfassungsgesetz vorbereitet hat, kann kurzfristig in Schieflage geraten, wenn unerwartet von Luv und Lee, Stagen und Wanten oder Pinne und Schwert die Rede ist. In einer solchen Situation kann der zweite Dolmetscher schnell  online oder in seinen elektronischen Glossaren recherchieren (wenn er nicht sowieso zufällig Amateursegler ist) und rasch seinem Kollegen etwas aufschreiben.  Der zweite Dolmetscher schaltet nämlich in seiner Pause nicht auf Durchzug, sondern verfolgt durchaus das Geschehen, um bei Bedarf zu unterstützen.

 

Und schließlich gibt es auch so etwas wie plötzliche Hustenanfälle oder, zum Glück sehr selten, kurzzeitige gesundheitliche Einschränkungen, bei denen es hilfreich ist, wenn ein zweiter  Dolmetscher sofort das Mikro übernehmen kann.

Dies gilt auch, wenn es sich um ein vermeintlich einfaches Thema handelt. Erstens kann die Definition von „einfach“ je nach Blickwinkel sehr schwanken. Zweitens wird auch hier die Schwelle überschritten, bei der ein Dolmetscher noch konzentriert und mit einem sinnhaltigen Output arbeiten kann.

Die Dolmetscher des weltweiten Berufsverbandes aiic verpflichten sich in ihrem Berufskodex auf Teamstärken und Arbeitsbedingungen, die sowohl ihrer Belastungsgrenze als auch dem Bedürfnis der Kunden nach einer hervorragenden und reibungslosen Übersetzung genüge tun.

 

Professioneller Konferenzdolmetscher, so wie sie auf fachdolmetschersuche.de zu finden sind, werden daher auf die oben genannte Anfrage hin freundlich darüber aufklären, dass bei dieser Veranstaltung ein einzelner Dolmetscher die gefragte Leistung nicht erbringen kann und ein Team nötig sein wird. Sie werden die verschiedenen Aspekte der Veranstaltung  erfragen (z. B. benötigte Sprachen, die genaue Dauer, vorgesehene Pausen etc. ), um die optimale Teamstärke festzulegen. Und sie werden klare und verbindliche Absprachen über die Teambesetzung und alle relevanten Aspekte des Dolmetscheinsatzes treffen. Denn wie im Segelsport ist Teamarbeit und klare Kommunikation die Voraussetzung für ein gelungenes Manöver und den richtigen Kurs – und das gilt für die  Zusammenarbeit zwischen Kollegen genauso wie für die Zusammenarbeit zwischen Kunde und Dolmetscher.

 

*Wenn von Dolmetscher die Rede ist, ist damit sowohl der Dolmetscher als auch die Dolmetscherin gemeint.

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