4. November 2019

Im Kopf eines Simultandolmetschers

Gleichzeitig hören und sprechen – und das in zwei Sprachen! Wie machen Sie das?? Wenn Simultandolmetscher diese Frage gestellt bekommen, können sie das oft gar nicht so genau beschreiben – so intuitiv und automatisiert sind die kognitiven Prozesse, die sie dabei anwenden.

Wissenschaftlich ist jedoch schon einiges zu der Frage erforscht, welche Vorgänge im Gehirn von Simultandolmetschern vor sich gehen. Um das zu erläutern, hilft es, sich zu verdeutlichen, was sie bei ihrer Arbeit eigentlich genau tun:

Beim Simultandolmetschen hört und verarbeitet eine Person eine Botschaft in einer Sprache, während sie fast gleichzeitig dieselbe Botschaft in einer anderen Sprache formuliert. Der Dolmetscher fängt mit einer leichten Zeitverzögerung nach dem Redner an zu sprechen, jedoch bevor der Redner seinen Satz beendet hat. Der Redner beginnt dann gleich den nächsten Satz, unabhängig davon, ob der Dolmetscher die Übersetzung des vorherigen Abschnitts abgeschlossen hat oder nicht. Um diese Aufgabe zu bewältigen, benötigen Dolmetscher – neben hervorragender Kenntnis der Ausgangs- und Zielsprache – eine Reihe spezialisierter Fertigkeiten. Dazu gehören eine besonders ausgeprägte Fähigkeit, zwischen Sprachen hin- und herzuwechseln; eine lange Zeitspanne für die Speicherung von Informationen im Arbeitsgedächtnis; sowie die Fähigkeit, aus dem Inhalt des Arbeitsgedächtnisses Sinn zu konstruieren, also die eingehende Rede zu verstehen, während gleichzeitig ein früherer Abschnitt der Ausgangsrede in die Zielsprache übertragen wird. Zudem liegt es in der Natur dieser Tätigkeit, dass ihre Geschwindigkeit von außen vorgegeben wird (nämlich durch den jeweiligen Redner). Um diese verschiedenen Herausforderungen zu bewältigen, müssen Dolmetscher über ein gut eingeübtes Repertoire an mentalen Strategien verfügen, sodass sie ihre verfügbare Konzentration effizient einteilen können.

 

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Dynamische Umverteilung von Aufmerksamkeit

Wissenschaftler, die sich mit diesen mentalen Strategien und Vorgängen im Gehirn von Simultandolmetschern befassen, gehen heutzutage meist vom sog. Efforts-Modell aus. Demgemäß besteht das Simultandolmetschen aus drei kognitiven Leistungen oder Funktionen („Efforts“): Zuhören/Analysieren, Speichern im Arbeitsgedächtnis und Produktion der Übersetzung. Die Daten der jüngeren Forschung legen nahe, dass Simultandolmetscher diese drei Leistungen im Modus der sog. dynamischen Umverteilung von Aufmerksamkeit erbringen. Das bedeutet, dass sie diesen drei Funktionen nicht kontinuierlich gleich viel Aufmerksamkeit zuteilen. Stattdessen widmen sie sich in sehr kurzen Zeitabschnitten abwechselnd und mit unterschiedlich starker Konzentration den verschiedenen Aufgaben, je nachdem, wie stark eine Funktion situativ bedingt gerade ihre Aufmerksamkeit fordert.

Zum Beispiel kann die Funktion des Zuhörens und Verstehens plötzlich mehr Aufmerksamkeit und Konzentration erfordern, wenn ein neuer Redner das Mikrofon übernimmt, der nicht Muttersprachler ist und einen schwer verständlichen Akzent spricht, obgleich der Inhalt der Rede nicht komplexer geworden ist. Auch, wenn unerwartet von einem allgemeinen Inhalt auf ein anspruchsvolles Fachthema gewechselt wird, kann das Zuhören und Analysieren zusätzliche Ressourcen binden.

Das Abspeichern der gehörten Rede im Arbeitsgedächtnis erfordert ebenfalls eine variierende Zuteilung von Aufmerksamkeit, je nach Situation: Wer z.B. vom Deutschen ins Englische dolmetscht, muss aufgrund des deutschen Satzbaus manchmal warten, bis das Verb am Ende des Satzes ausgesprochen wird, bevor er den Zielsatz auf Englisch konstruieren kann. Der zeitliche Abstand zwischen der Ausgangsrede und der tatsächlichen Verdolmetschung, auch Décalage genannt, vergrößert sich hier erheblich; die flexible Ausdehnung der Décalage je nach Situation unterstreicht die zentrale Rolle des Arbeitsgedächtnisses in der Tätigkeit von Dolmetschern. Hinzu kommt, dass der Arbeitsspeicher nicht sofort geleert wird, wenn das übersetzte Wort ausgesprochen wurde. Dolmetscher hören sich selbst zu und korrigieren bei Bedarf ihren eigenen Output in einer Art Selbstbeobachtung. Wem zum Beispiel ein Zahlendreher oder Versprecher unterläuft (etwa: „Deutschland hat rund 83 Milliarden Einwohner“), der wird durch diese Selbstbeobachtung und den Rückgriff auf Kontextinformationen im Langzeitgedächtnis sich noch schnell korrigieren und in diesem Fall die Milliarden durch Millionen ersetzen. Eine übersetzte Sequenz wird also erst endgültig aus dem Arbeitsgedächtnis gelöscht, wenn der Dolmetscher zufrieden damit ist und sie somit im Geiste als erledigt abhakt.

Schließlich hängt es auch bei der dritten Funktion, der Produktion der Verdolmetschung, von verschiedenen Faktoren ab, wieviel Aufmerksamkeit ihr zugeteilt wird: beispielsweise, ob in die eigene Muttersprache gedolmetscht wird oder in die Zweitsprache; auch das Abrufen von selten verwendeter Fachterminologie in der Zielsprache aus dem Langzeitgedächtnis kann kurzzeitig mehr Aufmerksamkeit auf die Produktion der Übersetzung lenken.

 

Viele kognitive Strategien für ein Ziel

Diese drei Operationen (Zuhören, Speichern und Produzieren) stehen somit quasi im Wettstreit miteinander um begrenzte Aufmerksamkeitsressourcen. Wenn in einem Bereich erhöhte Verarbeitung erforderlich ist, z.B. weil die Ausgangsrede sehr schnell oder dicht ist, wird dies unweigerlich auf Kosten eines der anderen Bereiche gehen. Dies erklärt auch, warum Dolmetscher auf die frühzeitige Zusendung von Präsentationen und Redemanuskripten bestehen und so gerne bestmöglich vorbereitet zu ihren Aufträgen gehen: je bekannter und schneller abrufbar die Informationen sind, umso weniger Ressourcen müssen für das Verstehen und Speichern eingesetzt werden und umso mehr können sie sich auf die Produktion einer exzellenten Verdolmetschung konzentrieren.

Umgekehrt nutzen Dolmetscher auch gezielt Strategien, um effizient mit ihrer Aufmerksamkeit umzugehen und mentale Ressourcen frei zu machen. Bspw. machen sich Dolmetscher die Redundanz von Informationen in der Ausgangsrede zu Nutze, um einen Gedanken bereits vorherzusagen und damit den zeitlichen Abstand zum Redner zu verringern oder ihn sogar einzuholen. Wenn etwa immer wieder von einem bestimmten EU-Ausschuss die Rede ist, mag es im entsprechenden Kontext für den Dolmetscher ein Leichtes sein, einen Satz bereits fertig zu übersetzen, bevor der volle Name des Ausschusses erneut ausgesprochen wird. Somit werden an dieser Stelle Ressourcen eingespart und können für das Zuhören und Abspeichern kommender Informationen eingesetzt werden.

Innerhalb der drei Aufgaben Zuhören/Analysieren, Abspeichern im Kurzzeitgedächtnis und Produktion der Verdolmetschung existieren also vielerlei Strategien, mit deren Hilfe Dolmetscher ihre Aufmerksamkeitsressourcen dynamisch und in schnellem Wechsel der jeweiligen Aufgabe widmen, die am dringendsten erforderlich ist. Die große Kunst ist demnach, innerhalb von Bruchteilen von Sekunden zu entscheiden, welche der Funktionen momentan die größte Aufmerksamkeit verdient, um dauerhaft die bestmögliche Verdolmetschung zu liefern – wobei diese Entscheidung, wie eingangs erwähnt, meist automatisiert und vorbewusst getroffen wird.

Erst kürzlich wurde eine Studie der hochkarätigen russischen Universität Higher School of Economics veröffentlicht, bei deren Experimenten sogar mit EEGs die Gehirnströme von Simultandolmetschern während dieser verschiedenen mentalen Prozesse nachgewiesen wurden.

 

Verborgene Abläufe für ein überzeugendes Ergebnis

Zum Glück sind all diese, recht anstrengend klingenden, kognitiven Funktionen für die Zuhörer bei einer professionellen Dolmetschleistung nicht bemerkbar. Eine zentrale Erkenntnis, die für Einkäufer von Dolmetschleistungen jedoch durchaus Relevanz hat: Simultandolmetschen stellt eine äußerst komplexe geistige Leistung dar, bei der vielerlei kognitive Operationen und Strategien in rasanter Reihenfolge abwechselnd eingesetzt werden. Es handelt sich um alles andere als eine stumpfsinnige Wort-für-Wort-Übersetzung. Vielmehr ist die übergeordnete Aufgabe für Simultandolmetscher, die Ausgangsrede mit Abstand zu analysieren, die Botschaft des Redners von seinen konkreten Worten zu abstrahieren und eine adäquate Übersetzung zu erzeugen, die auf einem umfassenderen Kontext beruht. Dieser umfassendere Kontext konstruiert sich aus den früheren Aussagen des Redners, den Umständen der Veranstaltung, den vorab angeeigneten kundenspezifischen Fachkenntnissen, dem Allgemeinwissen und nicht zuletzt dem gesunden Menschenverstand.

Angesichts dieser vielfältigen, komplexen Prozesse, die Simultandolmetscher bewältigen müssen, wird deutlich, wie wesentlich eine solide Ausbildung, langjährige Berufserfahrung und ein hohes Qualitätsbewusstsein haben – all diese Eigenschaften und noch mehr finden Sie bei den AIIC-Dolmetschern im Dolmetscherverzeichnis von fachdolmetschersuche.

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